Christa Budde

Nah.Global
 

Projekt Mentoring Kunst

Dezember 2017 - Februar 2019:

Aufgenommen in das Projekt Mentoring KUNST des Frauenbildungsnetzes Mecklenburg-Vorpommern e.V.  des Ministerium für Soziales, Integration und Gleichstellung Mecklenburg-Vorpommern aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds.

"Ach Mami - Geschichten aus dem Wahnsinnsalltag mit Kindern"

Neuerscheinung  am 3. März 2017

cbm verlag, Drechow

ISBN 978-3-00-055706-4

Überall im Buchhandel oder bei der Autorenwelt, oder versandkostenfrei unter www.cbm-verlag.de

Dieses Buch enthält eine Auswahl meiner Glossen, die im Laufe der Jahre in der Familienzeitschrift "Die Landknirpse" veröffentlicht wurden. Die Mitautorin ist Stefanie Burr, die ebenfalls Glossen über das Familienleben schreibt, die in der Familienzeitschrift "Räuberpost" in Schwerin erscheinen.


Kraniche über Saiwa

Mein bisher wichtigstes Buch ist das Buch "Kraniche über Saiwa". Im Rahmen  meiner Doktorarbeit in Verhaltensforschung hatte ich Gelegenheit, 18 Monate in  der Nähe eines kleinen Dorfes in Kenia zu leben. Ich lebte in einer Buschhütte im kleinsten Nationalpark Kenias, dem Saiwa Swamp National Park. Meine Hauptaufgabe war, Kronenkraniche  zu beobachten, aber bald merkte ich, dass die Buntheit des Dorflebens die Kronenkraniche weit in den Schatten stellte.....      

Zahlreiche Lesungen in Bibliotheken, VHS, Textrabatt, Schulen.


Leseprobe

Saiwa Swamp National Park wurde 1974 von John Barnley gegründet. Er war damals nur 3 qkm groß. Inzwischen umfasst er ca. 5 qkm. Seine Gründung verdankt er vor allem dem Vorkommen der Sumpfantilope Sitatunga, die auf Grund der speziellen Anpassung ihrer Füße auch gut im Sumpf leben kann. In Saiwa Swamp wurden ca. 350 verschiedene Vogelarten beobachtet. Es leben dort die DeBrazza Meerkatze, die Colobusaffen, Zibetkatzen, Sumpfmangusten und viele weitere Tierarten. Der Park ist nur zu Fuß erforschbar und bietet deshalb ein besonderes Naturerleben.

....Ein weiteres Insekt, mit dem ich engere Bekanntschaft machte, waren die Wanderameisen.......Das zweite Mal kam ich nachts mit ihnen  in Kontakt. Charles und ich lagen bereits im Bett und unterhielten uns über die dreiviertel hohen Wände hinweg. Plötzlich sagte er mit  gleichmütiger Stimme, dass soeben eine Herde Wanderameisen ins Haus eindringen würde. Entsetzt fuhr ich hoch. "Was machen wir denn jetzt?", fragte ich nervös. "Keine Sorge. Manchmal kommen sie nicht ins Bett", versuchte Charles mich zu beruhigen "Und was ist, wenn sie kommen?", beharrte ich auf einer Antwort. "Am besten,  man bleibt ruhig liegen und rührt sich nicht. Dann krabbeln sie über dich hinweg. Nur wenn du dich bewegen musst, ..." Ich hörte, wie Charles mit der Zunge schnalzte. Ich würde sicher nicht ruhig liegen bleiben, wenn ein Heer Ameisen über mich hinweg zöge.  Ich dachte daran, vors Haus zu flüchten, doch da waren sie ja auch. Ich hörte, wie Charles  sich im Bett herumdrehte. "Jetzt sind sie am Bett, aber bis jetzt ist noch keine hochgekommen",  hielt er mich auf dem Laufenden. Ich knipste meine Taschenlampe an und leuchtete hektisch  den Boden meines Zimmers ab. Endlich kam von Charles ein brauchbarer Vorschlag: Ich solle  Kerosin um den Boden des Bettes streichen, dann würden die Ameisen einen Bogen darum machen. 

Ich befolgte sofort seinen Rat und fegte den Boden mit Kerosin. Kurz darauf drangen die Ameisen dann auch in mein Zimmer ein, durchquerten es und kamen auf mein Bett zu. Ich atmete erleichtert auf, als sie tatsächlich einen Bogen darum machten. Eine halbe Stunde später war der Spuk vorbei. 
  

Rezept Ugali:

Einen halben  Liter Wasser zum Kochen bringen. Den gemahlenen Mais einrühren, einmal kurz aufkochen, dann vom Feuer nehmen und noch 5 Minuten quellen lassen. Richtig - es ist dasselbe Rezept wie Polenta. Allerdings ist das Maispulver weiß und nicht gelb wie bei der Polenta.

In ländlichen Gebieten wird in Kenia überall mit den Händen gegessen. Vor dem Essen wird eine Schüssel zum Händewaschen herumgereicht. Man nimmt sich ein kleines Stück Ugali und nimmt mit ihm die Soße oder das Gemüse auf um es zu essen. Vorsicht: wenn man seine Finger in den Ugalikloß taucht: drinnen ist er kochendheiß!


   

Leseprobe Glossen

Mama Cool 

©Christa Budde 2014 

(diese Glosse war unter den ersten zehn Plätzen bei 598 Einsendungen eines Schreibwettbewerbes)

Suchend blicke ich mich in der riesigen Flughafenhalle um. Ich sehe meinen Koffer am Eincheckschalter der Fluglinie, daneben drei verwaiste Kinderrucksäcke. Mit geübtem Blick scanne ich das kleine Cafe in der Wartehalle, den Zeitungsstand, den Laden mit den Süßigkeiten. Meine Augen streichen über den Buchladen und dort entdecke ich sie: Drei kleine Gestalten, eingehüllt in dicke Winterjacken, Wollmützen und Handschuhe, die selbstvergessen auf dem Boden des Ladens hocken - meine Kinder. Ich eile zu dem Laden.

„Was macht ihr denn? Kommt sofort mit, wir müssen einchecken und das Gepäck aufgeben.“

„Och, Mama“, mault meine Jüngste. „Anna liest uns gerade so schön vor und die Geschichte ist gleich zu Ende.“ Anna hebt das Buch hoch.

„Nur noch diese Seite, Mama“, bettelt sie. Ich werfe einen Blick auf unser Gepäck, das ein hilfsbereiter Mann in der Warteschlange immer näher an den Eincheckschalter schiebt. Noch sind drei Leute vor mir. Ich nicke ergeben, höre ergriffen die letzten Sätze über einen verloren gegangenen Teddybären, packe zwei meiner Kinder und schiebe sie zum Schalter. Anna, die Älteste folgt alleine.

Gerade rechtzeitig. Ich bedanke mich bei dem Mann.

Ein Gepäckstück zum Aufgeben?“ fragt die freundliche Frau am Schalter und deutet auf den Koffer. Einen kurzen Moment lang streifen meine Augen über die Köpfe der drei Kinder. Wäre das nicht himmlisch? Aber dann sage ich seufzend:

„Nur eins.“

Ich bekomme die Bordkarten, ergreife mein Handgepäck sowie das der Kinder und begebe mich zur Kontrolle. Ich lege die vier Gepäckstücke auf das Band und schiebe die Kinder vor mir her. Der Kontrollbeamte blickt auf, misstrauisch.

„Ab hier ist nur noch Handgepäck erlaubt. Und nicht drei größere Rucksäcke.“

Ich lächle ihn liebenswürdig an, nehme den größten der drei Kinderrücksäcke, öffne ihn und entnehme ihm einen riesigen Pu-Bären.

„Glauben Sie vielleicht, der passt noch in meine Handtasche?“ frage ich und halte ihm den Bären dicht unter die Nase. Der Mann zuckt zurück. Offensichtlich hat er keine eigenen Kinder, denn er starrt irritiert auf den riesigen Bären. Seine Kollegin kommt zu Hilfe. Sie stopft den Bären in den Rucksack zurück und schiebt ihn durch die Röntgenkontrolle. Die anderen Rucksäcke haben bereits passiert.

„Alles in Ordnung“, beruhigt sie ihren Kollegen. Anna auf der anderen Seite grinst.

„Gut, dass sie meine Bombe nicht entdeckt haben“, ruft sie mir laut zu.

Der Kollege, der sich bereits dem Gepäckstück des nächsten Reisenden zuwenden wollte, verharrt mit einem Ruck in seiner Bewegung, dann schießt er wie eine Rakete herbei und greift nach Annas Rucksack. Seine Mitarbeiterin wirft einen prüfenden Blick auf Annas Gesicht. Resolut schiebt sie ihren Kollegen zur Tür mit dem Schild: Nur für Personal.

„Zeit für eine Kaffeepause“, sagt sie sanft. Zu mir gewandt sagt sie:

„Ich habe auch Kinder. Gehen Sie weiter.“ 

Ich packe die vier Handgepäckstücke und mache mich mit den Kindern auf den Weg ins Flugzeug. Die Bordkarten werden kontrolliert und wir betreten über die Gangway das Flugzeug. Dort verursachen wir einen kleineren Stau, da mein Jüngster unbedingt Pu-Bär den Ausblick aus den Fenstern der Gangway zeigen möchte. Der Reißverschluss des Rucksackes klemmt, es dauert einen Augenblick. 

Endlich betreten wir das Flugzeug und ich atme auf. Ich lasse mich von der Stewardess in den richtigen Gang einweisen, bahne mir einen Durchgang über im Wege stehende Gepäckstücke und quetsche mich an Passagieren vorbei, die ebenfalls ihre Plätze suchen. Plötzlich bemerke ich, dass mein mittlerer Sohn fehlt. Ich entdecke ihn am Eingang des Flugzeuges, vertieft in ein Gespräch mit der Stewardess. Ich schiebe die beiden anderen Kinder zu unseren Plätzen und lege die Handgepäckstücke auf die beiden noch freien Sitze. Dann bahne ich mir einen Weg zurück zu meinem Sohn. Ich komme gerade rechtzeitig um zu hören, wie er sagt:

„Und ich glaube doch, dass wir abstürzen. Es ist bestimmt was kaputt. Unser Auto hat neulich auch so komische Geräusche gemacht.“

Die Stewardess wiederholt stereotyp, dass alles ganz normal klingt und dass er nun bitte weitergehen möchte, um die anderen Passagiere ebenfalls ins Flugzeug zu lassen. Da spielt mein Sohn seinen letzten Trumpf aus:

„Anna hat aber eine Bombe dabei.“

Bei der Stewardess beginnt ein Auge nervös zu zucken, eine Frau fängt an hysterisch zu kreischen. Ein Mann, der ganz in der Nähe sitzt, springt panisch aus seinem Sitz auf und versucht sein Handgepäck aus dem Fach über ihm zu zerren. Er will offensichtlich das Flugzeug verlassen. Ich lächele beruhigend in die Runde und sage mit meiner wärmsten, mütterlichsten Stimme:

„Meine Damen und Herren, kein Grund zur Aufregung. Das Kind gehört zu mir und weder ich noch seine Geschwister haben eine Bombe dabei.“

Der Mann, der fliehen wollte, setzt sich mit verlegenem Lächeln wieder hin, die hysterische Frau hört auf zu schreien, ich packe mein Kind an der Hand. Auf dem Weg zu unseren Sitzen denke ich mir, dass es auch dem Flugkapitän nicht besser gelungen wäre, die Leute zu beruhigen. Im Geiste klopfe ich mir anerkennend auf die Schulter.

Mein Sohn lässt sich auf seinem Sitz nieder und ich öffne die Klappe für das Handgepäckfach. Es ist bereits ziemlich voll. Ich quetsche als erstes meine eigene Handtasche hinein, dann presse ich einen Kinderrucksack dazu. Den zweiten bringe ich noch mit Mühe hinein. Schnell schlage ich das Fach zu, bevor der Rucksack seinen Platz wieder verlassen kann. Misstrauisch sieht mein Jüngster zu mir hoch.

„Pu darf nicht so gequetscht werden, Mama“, sagt er vorwurfsvoll.

„Außerdem möchte er bestimmt bald aus dem Fenster schauen.“ Ich reiße das Fach wieder auf. Die beiden Rucksäcke, meine Handtasche und ein weiteres Gepäckstück rutschen mir entgegen. Meine Handtasche kann ich gerade noch auffangen, alles andere fällt zu Boden. Eine Frau aus der Reihe vor mir springt auf.

„Meine Tasche! Können Sie nicht aufpassen. Da ist Glas drin. Verstehen Sie, GLAAAS.“

Ich versichere ihr, dass mir der Begriff Glas geläufig ist. Auch wenn ich manchmal etwas bekloppt wirke, weiß ich, dass wir im 21. Jahrhundert leben. Ich schüttele die Tasche, die leider tatsächlich verdächtig klirrt und reiche sie der Frau hinüber.

„Schauen Sie nach. Wenn etwas kaputt ist, gebe ich Ihnen die Nummer meiner Haftpflichtversicherung“, sage ich lässig. Ich bin eigentlich immer ganz froh, wenn sich die vielen gezahlten Versicherungsbeiträge mal rentieren. Die Frau wirft einen Blick in ihre Tasche.

„Alles in Ordnung“, verkündet sie strahlend und lässt ein paar bunte Glassteine durch ihre Hände rieseln.

„Die habe ich zum Tauschen mitgenommen, ich habe gehört die Eingeborenen sind ganz wild danach.“

Ich tippe mir im Geiste an die Stirn. Ich wirke wenigstens nur bekloppt.

Ich reiche meinem Jüngsten den Pu-Bär und räume dann rasch meine Handtasche sowie alle drei Kinderrucksäcke in das Handgepäckfach, solange die Frau noch mit ihrer Tasche beschäftigt ist. Es passt alles prima hinein. Schnell schließe ich das Fach und lasse mich auf meinem Sitz nieder. Die Frau mit den Glasperlensteinen will aufstehen und ihre Tasche verstauen, aber da ertönt das Signal zum Anschnallen. Resigniert stopft sie sie unter den Sitz. Ich helfe meinen Kindern beim Anschnallen. Während der Flieger zur Startbahn rollt, erklärt die Stewardess die Sicherheitsmaßnahmen für die Notfälle.

„Ich hab‘s doch gewusst, wir stürzen ab“, flüstert mein mittlerer Sohn Anna zu. „Sonst würden sie einem das nicht so genau erklären.“

Anna nickt, wissend. 

Der Flug verläuft ruhig. Zwischendurch gibt es ein paar Turbulenzen, die mein mittlerer Sohn dazu benutzt, lauthals zu verkünden, er hätte doch gewusst, dass wir abstürzen würden. Glücklicherweise sitzt die hysterische Frau weit weg. Aber hinter mir höre ich eine Frau zu ihrem Mann murmeln:

„Das ist doch der Junge, der wusste, dass jemand eine Bombe an Bord gebracht hat?“

„Das war doch nur Kinderkram“, erklärt ihr gähnend der Mann. Entspannt lehne ich mich zurück. Was soll jetzt noch schief gehen?                                             

Die Notlandung wegen eines Triebwerkschadens auf dem kleinen Wüstenflughafen, das Aufheulen der Ambulanzen, die einige verletzte Passagiere versorgen, die Fahrt ins Hotel nehme ich gelassen. Meinen Kindern geht es gut. Ich bin die Einzige, die noch fit für ein Interview mit der internationalen Presse ist. Nach der Quelle meiner unerschütterlichen Ruhe befragt, zucke ich die Schultern und antworte: „Ich bin Mutter.“